Aus der Mitte entspringt Verdruss – oder: Von Einem, der auszog…

Auf die Gefahr hin, dass die Hälfte meiner geneigten Leser gleich zu Anfang aussteigt, möchte ich hier unseren Bundesinnenminister zitieren: Teile dieser Erzählung „würden die Bevölkerung verunsichern.“ Denn in seinem aktuellen Roman erzählt Peter Stamm eine zutiefst verstörende Geschichte, und er tut dies im bedächtigen Rhythmus des erfahrenen Wanderers, der sich seine Kräfte einzuteilen weiß. Worum geht’s? Thomas, erfolgreicher Außendienstler mit einer attraktiven Frau, zwei kleinen Kindern und einem schönen Eigenheim, öffnet eines Abends im August das Gartentor und läuft los. Er hat keine Affäre, kein Geld unterschlagen, kein Verbrechen begangen, sondern folgt einfach nur dem Impuls, sich auf den Weg zu machen – ohne Gepäck und ohne Plan.

„Er hat ja nichts Böses getan“, sagte Stamm selbst über seine Hauptfigur, obwohl dessen Verhalten nicht nur ungewöhnlich ist, sondern nach allen gängigen Kriterien zutiefst amoralisch und im Wortsinne „asozial“. Doch der Autor ist nicht daran interessiert, Thomas‘ Verhalten zu bewerten oder gar zu verurteilen. Er lässt ihn vielmehr das gedankliche Experiment in die Tat umsetzen, aus dem eigenen Leben herauszutreten und zugleich dessen normalen Fortgang zu imaginieren: „Die Kinder kamen aus dem Haus, reihten sich ein in die verstreute Kolonne anderer Kinder auf dem Weg zum Kindergarten, zur Schule. Kurze Zeit darauf ging Thomas zur Arbeit. Er grüßte die alte Frau aus der Nachbarschaft, deren Namen er einmal gekannt und wieder vergessen hatte. Er sah sie fast jeden Morgen mit ihrem Hund, trotz ihres Alters hatte sie einen forschen Schritt und eine laute, sichere Stimme, mit der sie ihn zurückgrüßte, als sei alles in Ordnung, als würde alles immer so weitergehen.“ Als Thomas diese Szene reflektiert, ist er schon aus seinem bisherigen Leben ausgetreten. Er wird nicht mehr zur Arbeit gehen, nicht mehr die alte Frau grüßen und nicht mehr zum Mittagessen nach Hause kommen. Die Beschreibung dieser ungewöhnlichen Reise bleibt über weite Strecken merkwürdig lakonisch und distanziert, doch es gibt auch Momente skurriler Komik. Thomas verbringt viel Zeit mit banalen Dingen wie Essensbeschaffung und der Suche nach einem warmen Schlafplatz. Wenn diese Essentials geklärt sind, beginnen die Gedanken meditativ zu wandern.

Stamms Erzählung ist dort am stärksten, wo sich philosophische Reflexion und melancholische Entrückung in Thomas‘ Gedanken an sein altes Leben mit den Ahnungen seiner Frau Astrid überlagern, die bald zu wissen glaubt, dass sie ihren Mann nicht wiedersehen wird. Zwar geht sie sofort zur Polizei und unterstützt aktiv die Suche nach ihm. Zugleich erfindet sie aber wie in Trance halbherzige Ausreden für den Chef, für die Kinder und die Schwiegereltern. Sie setzt ihre ganze Energie dafür ein, die Funktionalität der Familie zuerst zu gewährleisten, dann zu simulieren und schließlich neu zu definieren. Mit der Kraft ihrer Gedanken ringt sie um Kontrolle über die Situation und stellenweise scheint es, als könne sie Thomas aus der Ferne lenken und schützen, aber kann sie ihn auch zurückholen?

Die Hörbuch-Fassung hat übrigens kein Geringerer als „The Voice“ Christian Brückner eingelesen. Wer mit dem Namen spontan nichts anfangen kann, kennt ihn gewiss als deutsche Synchronstimme von Robert de Niro, Harvey Keitel oder Robert Redford. Brückner verleiht mit seiner nuancenreichen, knarzigen Stimme dem sachlichen und pathosbefreiten Erzählton von Peter Stamm eine Intensität, die der emotionalen Tiefe der Geschichte gut entspricht. Das ist ganz sicher nicht „easy like Sunday morning“, aber sehr hörenswert. Für seine Edition Parlando (www.parlandoverlag.de) hat er noch weitere Werke von Peter Stamm (f)eingelesen, darunter „Agnes“, „Wir Fliegen“ und „Sieben Jahre“. (Christian Arndt)