Moby (photo: uncensoredinterview.com@Flickr)

Held der Arbeit: Moby spricht über sein Leben für die Musik

Held der Arbeit
Moby spricht über sein Leben für die Musik

Die Karriere von Richard Melville Hall alias MOBY begann wie mit einem Paukenschlag. Mit dem wuchtigen Dance Track „Go“ eroberte er Anfang der Neunziger die Herzen der Clubgänger und die Charts quasi im Handstreich. Es war die Blütezeit der Techno-Bewegung, und Moby wurde mit seinem minimalistisch-euphorisierenden Hits „Go“ und „Feeling So Real“ zu einer ihrer Speerspitzen. Nach dem Dance-Album „Everything Is Wrong“ folgte zunächst eine radikale Abkehr von den Techno-Beats in Form seines Punk-Albums „Animal Rights“. Dann kam mit „I Like To Score“ eine Sammlung von Filmmusik, unter anderem mit Mobys brachialer Adaption des berühmten James Bond Theme an die Pierce Brosnan Ära. Danach schickte sich der Ur-Ur-Großneffe des Schriftstellers Herman Melville (von dessen Roman „Moby Dick“ er seinen Künstlernamen borgte) an, neue popmusikalische Parallelwelten zu erschliessen.

Blues, Natürlich

Für das Album „Play“ (1999) widmete sich Moby den erdigen Spielarten von Gospel und Spiritual, die er aus Archiven sampelte und mit halb elektronischen, halb akustischen Arrangements zu stimmungsvollen, melancholischen Popsongs modellierte. Trotz erheblicher Skepsis und viel Spott seitens der Kritik wurde „Play“ ein Multimillionseller und sein Urheber endgültig zum Star. Noch heute erinnert er sich an die Schwierigkeiten, das Werk zwischen hohem künstlerischen Anspruch und banaler Wirklichkeit zu einem guten Ende zu bringen: „Es war schwer, das Album überhaupt fertigzustellen, weil ich es zuhause und auf sehr billigem Equipment abzumischen versuchte. Am Ende klang es okay, aber der Sound war und bleibt ziemlich lo-fi.“ Und das ist auch gut so. Denn mit dem ‚handgemachten’ Klang und großartigen Songs wie „Why does my heart feel so bad?“, „Porcelain“, „Honey“ und vor allem „Natural Blues“ gelang es ihm so, die elektronische Tanzmusik mit ihren tiefliegenden Wurzeln im Blues und Gospel zu versöhnen und zu einem neuen, spannenden Hybrid zu verbinden. Dass Mobys Musik heutzutage eine weniger große Stil-Amplitude aufweist als in den Neunzigern, muss kein Zugeständnis an den Mainstream sein. Vielmehr hatte er mit „Play“ wirklich seinen unverwechselbaren Sound gefunden, der auf den nachfolgenden Alben „18“ und „Hotel“ hörbar weiter verfeinert wurde.

Es gibt bei Moby immer (noch) mindestens zwei konträre musikalische Ausdrucksformen – die Ballade und den treibenden Dance-Beat – und zuweilen treffen sie in einem Song zusammen, oder überlagern einander sogar. Ein schönes Beispiel hierfür ist „Slipping Away“. Das Duett mit der Francokanadierin Mylène Farmer landete auf Platz 1 der französischen Hitlisten. Das Ganze war eher ein Zufallsprodukt, wie sich Moby erinnert: „Mylene ist eine Freundin von mir, und sie hatte die Idee, den Song auf Französisch aufzunehmen.“ Ungleich schwieriger war es, seine Wunschsängerin für den Disco Rock-Song „New York, New York“ zu bekommen: „Ich hatte den Song geschrieben und dachte sofort, dass Debbie Harry die perfekte Sängerin dafür wäre. Ich verfolgte sie über Monate, versuchte sie in mein Studio zu kriegen, um daran zu arbeiten, und letztlich hat sie dann zugestimmt.“ Seine Beharrlichkeit zahlte sich aus, die „Blondie“-Sängerin scheint tatsächlich die Idealbesetzung, ist sie doch selbst Teil der New Yorker Musik- und Kulturszene von den späten Siebzigern bis heute. Beide Songs gehören zu den Highlights des vor kurzem veröffentlichten Best of-Albums „Go – The Very Best Of Moby“.

„Nichts macht mich glücklicher als Arbeiten“

Der Künstler selbst sieht keine großen Ungereimtheiten in seinem bisherigen Schaffen zwischen Punk, Techno, Ambient und Blues: „Ich begann mit neun Jahren Musik zu machen. Damals lernte ich klassische Gitarre und Harmonielehre, um dann in Punkbands und Reggaebands zu spielen. Ich spielte sogar eine Weile Jazz. Tanzmusik habe ich immer gemocht, es ist aber nur eines von vielen Genres, die mich inspirieren…“ Wichtiger als das Genre ist ihm die schöpferische Arbeit an sich. Der bekennende Workoholic sagt selbst: „Nichts macht mich glücklicher als Arbeiten. Ich versuche mich zu entspannen, indem ich lese und Sport treibe, aber meistens lande ich dann doch wieder im Studio und arbeite an neuer Musik.“ Wenn er nicht gerade im Internet unterwegs ist, um „obskure Musik“ zu entdecken oder sein öffentliches Tagebuch auf www.moby.com zu aktualisieren. Zur Ruhe kommt der leidenschaftliche Vielarbeiter so gut wie nie. Stille genießt er allenfalls „wenn ich schlafe“. Bei einem besessenen Studio-Tüftler, Live Performer und leidenschaftlichen Musikfan, der sich permanent akustischen Reizen aussetzt, ist die Gefahr groß, einen Hörschaden zu erleiden. Doch mit Vernunft und einer Portion Glück hat Moby nach eigenem Bekunden auch „nach 30 Jahren als Musiker in Punkbands und als DJ noch ein fast perfektes Gehör.“ Er selbst sieht das als „Beleg für die Nützlichkeit von Gehörschutz-Maßnahmen“, auch wenn diese zuweilen nur darin bestanden, dass er sich bei Club-Besuchen „Papiertaschentücher in die Ohren stopfte“.

Der bekennende Christ und praktizierende Veganer fällt in den Medien nicht nur durch seine Musik auf, sondern auch durch seine dezidierten soziopolitischen Stellungnahmen zu diversen Themen. Angesichts des beginnnenden US-Präsidentschafts-Wahlkampfes wollte ich von Moby wissen, was er denn in seinen ersten Tagen als US-Präsident anders machen würde: „Ich würde unnötige Subventionen für Wirtschaft und Landwirtschaft streichen und Steuererleichterungen an jene Unternehmen vergeben, die das Potenzial haben, etwas Positives zu bewirken. Ich würde ein Moratorium auf Tierversuche erlassen und ein Gesetz, das es verbietet, dass Sportler bei uns mehr verdienen dürfen als Lehrer.“ Wer in seinen Aussagen nach ironischen Untertönen fahndet, kann getrost mit dem Suchen aufhören. Moby meint alles ernst, was er sagt und tut. Er denkt auch ernsthaft darüber nach, wie er die ökologischen Folgen seiner eigenen US-Tournee minimieren kann. Privat verzichtet er als leidenschaftlicher Fußgänger in New York ohnehin auf ein Auto und überhaupt auf die meisten Dinge, die umweltschädlich und ungesund sein könnten. Da er aber nicht wirklich als US-Präsident kandidiert, bleibt die Frage offen, was aus Richard Melville Hall hätte werden können, wären die musikalischen Erfolge ausgeblieben: „Im Idealfall wäre ich Architekt oder Stadtplaner geworden, aber wahrscheinlich wäre ich heute wohl ein arbeitsloser, ehemaliger Mitarbeiter eines Plattenladens.“

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photo credit: Moby (2009) – photo by Uncensored Interview (Flickr) – used under CC license