katia b- só deixo meu coração

„one of the best Brazilian albums in a long time“ (Heaven Magazine)
Loaded with beautiful moments, this album – featuring the likes of Jazz-Legend Egberto Gismonti and percussion-master Marcos Suzano – sounds absolutely convincing: Bossa is a major, but not the only source of inspiration, the overall sound is characterized by a wonderful combination of Katia’s soft sensual voice and the tasteful and modest use of electronics.

Mit só deixo meu coração na mão de quem pode hat KATIA B, Brasilianerin russischer Herkunft, eines der erstaunlichsten und schönsten Alben der Nu Bossa Szene überhaupt kreiert. Wie ihre Freundin Bebel Gilberto will sie den Einfluss ihres frühen Mentors SUBA nicht verleugnen und hat doch seit ihrem 2000er Debüt enorme Fortschritte gemacht. Bossa bleibt die Basis für dieses experimentelle und zugleich höchst eingängige Werk. Katias Stimme gibt sich entspannt, zuweilen lasziv, aber keinerlei Blößen. Zielsicher wandelt sie auf der Höhe ihrer Kunst, begleitet von einigen der besten jungen Musiker Brasiliens sowie international bekannten Größen wie Percussion-Zauberer MARCOS SUZANO und Jazzlegende EGBERTO GISMONTI. Als ob das nicht reichte, haben wir noch einen ganz exzellenten „Restyle“ von MO’HORIZONS dazu gepackt.

Katia Bronstein, deren Eltern einst aus Russland nach Rio emigrierten, ist ein waschechtes „Girl from Ipanema“. Ihre Mutter erlebte die Geburt des Bossa Nova als Sängerin und Teilnehmerin an improvisierten Sing- und Tanzwettbewerben („Bossa Nova roundups“) in Bars und bei Parties. Daß ihre Tochter in diesem Umfeld unweigerlich auch vom musikalischen Virus infiziert wird, nimmt daher kaum Wunder. Katia trinkt Bossa mit der Muttermilch, ihre Wiege wippt im Takt des Tropicalismo von Veloso und Gil, mit der Musica Popular Brasileira (MPB) lernt sie laufen. Der ethnisch verwurzelte Brazil Jazz des großen Egberto Gismonti – auf dessen frühen Platten ihre Mutter als Chorsängerin mitwirkt – federt jeden ihrer Stürze mit dem Dreirad und dem ersten Paar Rollschuhe ab. Während die Generation ihrer Eltern von Brasilien aus die populäre Musik der Welt nachhaltig verschönert, nimmt Katia als Siebenjährige erste Gesangsstunden.

Der nahezu unerschöpfliche Reichtum der brasilianischen Musik reicht der jungen Künstlerin jedoch scheinbar nicht aus. Sie studiert neben ihrer Gesangskarriere auch Theater und Tanz und schließt sie sich in den frühen Achtzigern einer Avantgarde-Truppe in Rio de Janeiro an. Gemeinsam mit ihrer engen Freundin Bebel – der etwa gleichaltrigen Tochter des Musiker-Ehepaars Astrud und João Gilberto – will und muß sich Katia im Kollektiv die Hörner abstoßen, um letztlich als selbstbewußte Solistin mit ihrer eigenen künstlerischen Vision auf den Bühnenbrettern stehen zu können. Nach verschiedenen Filmen, Theaterstücken und Tanz-Performances konzentriert sich Katia B, wie sie sich inzwischen nennt, ab Mitte der Neunziger ganz auf ihre Gesangskarriere. In diesen Tagen wird auch der Ausnahmeproduzent Suba (Mitar Subotic) auf sie aufmerksam und bittet sie, ein Stück für sein Album São Paulo Confessions zu schreiben und singen: Auf „Segredo“ folgt dann die Zusammenarbeit mit Suba, der ihr erstes Albums Katia B abmischt. Auch ihre Freundin Bebel kommt in den Genuß der Studiozauberei des gebürtigen Jugoslawen, der 1990 per UNESCO-Stipendium nach Brasilien gelangt war. Ihr Debüt Tanto Tempo wird zum internationalen Hit. Leider kann Suba den verdienten Erfolg seiner Schützlinge (und seinen eigenen) nicht mehr genießen. Er stirbt im November 1999 bei einem Brand in seiner Wohnung in São Paulo. Katia widmet ihm, zusammen mit dem Produzenten BiD, eines ihrer bis heute schönsten Lieder: „Are You Sleeping“ für das posthum erschienene Remix-Album Tributo. Am Piano sitzt ein alter Bekannter: Maestro Egberto Gismonti.

Das abgesehen von „One More Shot“ bislang einzige englischsprachige Stück des ‚Russian Girl from Ipanema‘ erscheint in der Original-Version erst auf ihrem nun vorliegenden zweiten Album só deixo meu coração na mão de quem pode („Ich gebe mein Herz nur dem, der es verdient“). Für die Produktion arbeitet Katia B diesmal mit sechs talentierten Kollegen zusammen: BiD, der in São Paulos Electronica/Lounge Szene wahrlich kein Unbekannter ist, zeichnet neben „Are You Sleeping“ auch für die Stücke „Descontrole“ und „Último a Saber“ (mit)verantwortlich. Marcos Suzano, der großartige Perkussionist, verbringt sonst einen Großteil seiner Zeit damit, knackige Samba Beats um die Welt zu schicken. Sacha Amback und JR Tolstoi dürften ebenso wie das Team Plinio Profeta und Marcos Cunha (und alle anderen an diesem ebenso magischen wie lässigen Werk Beteiligten) eine große Zukunft vor sich haben. Last, but not least, hält Katias Ehemann João Barone (Mitglied der bekannten brasilianischen Rock-Popband Paralamas do Sucesso) bei einigen Stücken die Stellung an den Drums. Als Co-Produzentin von zehn der elf Stücke des Albums sorgt Katia selbst für die Konsistenz ihrer musikalischen Vision. Wirkte ihr Debüt noch stellenweise ‚gewollt‘ und leicht chaotisch, so klingt der zweite Langspiel-Streich vom ersten bis zum letzten Ton entspannt, authentisch, niemals überarrangiert, und wie aus einem Guß – was in Anbetracht der vielen Hände und Köpfe, die zu seiner Enstehung beitrugen, durchaus als besondere Leistung gewürdigt werden darf.

So hören wir auf Frau Bronsteins neuen Werk vor allem sanfte Nu Bossa Grooves, die gleichwohl ein experimentelles Wurzelwerk aufweisen: Klassische Lounge, Latin, Dub und dezente Lo-Fi Anklänge – langsame Desert Sounds, die entfernt an Bands wie Calexico und Lambchop erinnern – durchdringen die vermeintlich seidenmatt polierte Oberfläche, und dann ist da noch eine seltsam beatleske Qualität, die für Sekunden aufglimmt.. Schuld daran ist vermutlich Sergio Mendez, der mit seinen legendären Brazil ’66 mehr als einmal den Fab Four die Bossa Beats beibrachte. Doch ganz entspannt im hier und jetzt schwebt über dieser elegant-unaufgeräumten Klangwelt Katias Stimme zwischen lyrischem Sprechen und melancholischem Gesang mit der fast beängstigenden Trittsicherheit einer Seiltänzerin. „One More Shot.“ ist so eine Nummer: Ausgerechnet Punkstar Supla (Brasiliens Antwort auf Billy Idol) stört hier als Crooner mit frechen Vokal-Einwürfen den Hausfrieden eines sanft dahinfließenden Nu Bossa Tracks. Katia gibt sich stimmlich lasziv, aber keine Blößen. Doch es gibt mehr gute Gründe dieses Album zu lieben:

„só deixo meu coraçao na mão de quem pode“: Rodrigo Campello’s 7-saitige Gitarre und die Cavaquinho bilden ein wunderbares Backing für Katias prägnante Sprechstimme. Dieser Song bewahrt – wie das ganze Album – den universellen Sound des verstorbenen Pultmeisters Suba, was sicherlich kein Wunder ist, wenn man von Katias musikalischem Werdegang weiß.

„Descontrole“ – Noch deutlicher wird dies beim zweiten Track des Albums: BiD traktiert trickreich seine Sampler, Sacha Amback spielt die Orgel in höchster Perfektion. JR Tostoi (guitars), Kuki Stolarski (drums) und José Nigro (bass) komplettieren die Instrumentierung. Suba hätte diesen Klang geliebt: Mild und absolut zeitgemäß.

„Tanto Faz Para o Amor“ ist ein Stück, das man wieder und wieder hören will. Nicht zuletzt, weil Katia für dieses nocturne Bossa Dub Duett mit Lucas Santtana einen perfekten Gesangspartner gefunden hat. Dazu gesellt sich das schräge Toasting von René, der dem Ganzen einen abstrakten Charakter verleiht, unterstützt von Keyboards und Synthesizer-Fragmenten. Was schlimmstenfalls überladen und ungelenk klingen könnte, kommt ganz im Gegenteil entspannt und leicht daher.

„Are You Sleeping“ ist ursprünglich eine unvollendete Suba-Komposition, die Katia geimeinsam mit BiD zu einer melancholischen Hommage an den verstorbenen Freund auskomponiert hat. Ein wahres Glanzlicht ist das waghalsige Piano-Solo von Egberto Gismonti. Der ferne Klang eines ausgehängten Telefons setzt einen raffinierten Kontrapunkt zum entspannten Beat vom Marcos Suzano.

„Segredo“ ist nicht nur „geheimnisvoll“ wie der Titel vermuten lässt, sondern auch ein hübsch komplexes Stück Musik. Diese meisterhafte Version des von Suba und Katia B komponierten Tracks basiert auf den vielschichtigen Percussions von Tom Rocha, die auf clevere Weise mit JR Tostois Gitarre kommuniziert, dessen psychedelische Sounds an die späte Beatles Ära erinnern.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich gar nicht oder auch endlos lange streiten, doch zwei Aspekte an só deixo… sind ebenso unstrittig wie faszinierend: Da ist zum einen Katias erhabene Stimme, die ohne Koloratur und Künstelei auskommt, um beiläufig Kunst aus Pop zu erzeugen. Und dann natürlich die unprätenziöse Experimentierfreude, die in jedem einzelnen Track aufglimmt und sich im Detail oft erst beim zweiten oder dritten Hören erschließt. Letztere ist das Verdienst aller Mitwirkenden, einschließlich des einen, Suba, der vor fünf Jahren ging und doch in der Musik seiner Freunde immer präsent bleibt.