Paul Kalkbrenner (photo: pkalk10)

Paul Kalkbrenner: „Ohne Input bin ich am besten“ (Interview / Feature)

von Christian Arndt

Paul Kalkbrenner (33) ist ein Elektro-Popstar des 21. Jahrhunderts. Als die Berliner Mauer fiel, war er ein dreizehnjähriger Schuljunge aus Leipzig. Ein paar Jahre später verdingte er sich in der neuen Hauptstadt als DJ, und Ende der Neunziger begann er, eigene Musik zu veröffentlichen. Von der Außenwelt beinahe unbemerkt, hat sich Kalkbrenner in den vergangenen zehn Jahren auch international eine stetig wachsende Fangemeinde erspielt. Vor allem die authentische Darstellung des Musikers Ickarus in Hannes Stoehrs Film „Berlin Calling“, zu dem er auch den Soundtrack beisteuerte, hat seine Popularität förmlich explodieren lassen, und eine Live-Tour führte ihn bisher durch ausverkaufte Hallen in Zürich, München, Lyon, Lissabon, Istanbul Montreal und Toronto.

Im Gespräch wirkt Kalkbrenner zugleich hoch konzentriert und seltsam entrückt. Er wägt seine Worte genau ab und scheint stets bedacht, nicht zu viel über sich und seine Kunst preiszugeben. Andererseits gibt er bereitwillig Auskunft darüber, wie er allein mit Laptop und einem 16-Kanal-Controller seine minimalistisch-emotionale elektronische Musik auf der Bühne vor 6000 oder mehr Menschen immer wieder neu „live“ entwickelt und dabei von mal zu mal verbessert. Er bezeichnet sich selbst als Perfektionist, manchmal auch als „musikalischer Autist“, denn seit vielen Jahren hat er sich – nach eigenem Bekunden – von all jenen Szenen und Cliquen abgekoppelt, die Berlin für die internationale Musikszene gerade so interessant machen. Nicht für „Paule“, wie ihn seine Fans nennen: „Da ich nicht als DJ Platten auflege, sondern nur meine eigene Musik spiele, bin ich auch nicht in der Verlegenheit, mich auskennen zu müssen,“ sagt er lapidar, und betont „ohne Input bin ich am besten“.

Ganz ohne Input würde aber gerade seine Musik gar nicht funktionieren, denn er arbeitet weder mit ‚echten’ Instrumenten (obwohl er in seinen Jugendjahren Trompete spielen gelernt hat), noch mit Software-Synthesizern, sondern nur mit vorhandenem Audio-Material, das er bearbeitet und zu mal mehr und mal weniger komplexen Musikstücken kombiniert und formt. Das kann ein selbst aufgenommenes Geräusch sein, oder ein Schnipsel aus Dutzenden, die ihm sein jüngerer Bruder Fritz – ebenfalls Techno-Musiker, Schauspieler und Sänger – immer wieder zuspielt. Mit solchen Beutestücken zieht sich Kalkbrenner in sein Studio zurück und bearbeitet die Klänge, bis ihre Herkunft nicht mehr zu erkennen ist. Dann drapiert er sie auf ein Skelett aus 110 bis 130 trockenen Beats pro Minute und mixt diese Ingredienzien zu magischen, zuweilen auch kräftig schiebenden urbanen Soundtracks. Spätestens seit dem dritten Album Self (2004) werden seiner Musik auch Adjektive wie „liebevoll“ und „romantisch“ zugeschrieben, und Titel wie „Press On“ oder „Since 77“ hätten durchaus als Frühwerke von Techno-Pionier Carl Craig aus Detroit durchgehen können – charakterisiert durch einen ein warmen, weitschweifigen Sound, der sich in einen großen leeren Raum zu ergießen scheint.

Gibt es ein Geheimrezept, eine Formel, nach der ein Track entsteht und seine oft geradezu hypnotische Wirkung entfaltet? Und wann ist ein Stück fertig, wann ist es genug oder schon zu viel? Kalkbrenner kratzt sich am Kopf: „Gute Frage. Wann nimmt man die Finger davon? Gerade wenn man Perfektionist ist, dann ist die größte Kunst, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Weil weitermachen kannst Du immer, Du kannst hier noch was ändern und da noch und immer irgendwo noch eine kleine Hüllkurve basteln.“ Gibt es eine bestimmte Methode oder Regel, nach der man das entscheidet? „Es gibt keine Regel. Manche Stücke sind ganz schnell fertig, manche dauern ganz lang.“ Der einzige wirkliche ‚Song’ auf Berlin Calling, „Sky and Sand“, war laut Kalkbrenner „eher ein Langer“, zu dem sein Bruder Fritz die Vocals beisteuerte. Die Textzeilen gehörten zwar ursprünglich zu einem ganz anderen Song, dennoch klingt das musikalische Patchwork organisch und authentisch, um nicht zu sagen anrührend. Es gibt aber auch die „Kurzen“, so Kalkbrenner, bei denen „neunzig Prozent von dem was den Titel ausmacht in einer Stunde fertig sind. Das sind eigentlich die besten Sachen.“

„Is it live or is it Memorex?“

Einst war die Bühnen-Aufführung eines musikalischen Werkes durch besonders talentierte und ausgebildete Musiker das Maß aller Dinge, doch spätestens seit digitale und nahezu verlustfreie Aufzeichnungen omnipräsent sind, gilt die Aufnahme und nicht mehr die Aufführung eines Werkes als Goldstandard. Aus diesem längst vollzogenen Paradigmenwechsel folgt aber auch – so sieht es zumindest Paul Kalkbrenner – dass Bands, die mit Instrumenten auf der Bühne stehen „ja überhaupt nicht ‚live’ spielen, sondern nur versuchen, das Studioalbum eins zu eins auf der Bühne nachzuspielen.“ Auch wenn es paradox klingen mag, für Kalkbrenner ist „der Konserven-Abspieler DJ dann auf einmal der erste, der wieder improvisiert auf der Bühne“, worin sicherlich auch die Faszination elektronischer Musik begründet liegt – für die Ausübenden ebenso wie für die Fans.

Obwohl heutzutage nicht nur Techno und Hip Hop, sondern fast alle populäre Musik überwiegend am Computer und nicht am Klavier oder auf der Gitarre entsteht, trauen sich die wenigsten Künstler – von Elektronik-Pionieren wie Kraftwerk einmal abgesehen – ‚nur’ mit Computer und Mischpult auf die Bühne, wohl aus der nicht ganz unberechtigten Angst, das Publikum zu enttäuschen. Man zeigt was man hat, heuert eine sechs- bis zehnköpfige Live-Band an, um die ursprünglich computergenerierten Gitarren-, Drum- und Piano-Sounds auf der Bühne plausibel aussehen zu lassen und als Künstler ‚glaubwürdig’ zu erscheinen. Paul Kalkbrenner hat dieses Problem nicht, weil seine Musik ihre ‚künstliche’ Herkunft nicht verleugnet, und er braucht ergo auch keine Liveband. Stattdessen benutzt er die Software ‚Ableton Live’ auf einem Laptop, einen Hardware-Controller sowie ein analoges 16-Kanal-Mischpult. Letzteres „ist das eigentliche Instrument des Abends“, mit dem Kalkbrenner das Rohmaterial seiner Tracks auf immer wieder neue Weise kombiniert. „Es hat keine vorgegebene Länge, und selbst wenn ich mir vornehme, die gleichen Stücke in der gleichen Reihenfolge zu spielen, kann es nie gleich werden, das ist vollkommen unmöglich.“

Welchen Einfluss hat die Heimatstadt auf seinen Sound? „Die Sachen die in Berlin passieren, sind eigentlich gar nicht mein Ding.“ Obwohl der monumentale Tanztempel Berghain wiederholt von Fachmedien zum „besten Club der Welt“ und beinahe jedes Wochenende Tausende „Easyjetsetter“ aus ganz Europa magisch anzieht, hat Kalkbrenner „mit Bar 25 und Berghain nichts am Hut. Ich bin nie da und will auch nicht mit den Touristen feiern.“ Für ihn übt die Stadt allenfalls einen subkutanen Einfluss aus, „bestimmte Moods wie der Nebel im Herbst, wenn die Straßenlampen angehen. Aber Berlin beeinflusst mich nicht, weil es eben dieses Berlin ist, es ist einfach die Stadt in der ich aufgewachsen bin. Würde ich in New York leben, wäre es vielleicht eine andere Art von Urbanität.“ Kalkbrenner distanziert sich aber nicht nur von der Berliner Technoszene und vom „Easyjet-Set“, sondern grenzt sich auch klar von fast allen äußeren musikalischen Einflüssen ab: „Ich habe zu niemandem Kontakt. Ich höre gern Bach und höre auch oft meine eigene Musik. Vielleicht mache ich auch deshalb Musik, damit ich welche habe zum Hören.“

Und wenn er nichts mehr hören könnte, würde er – wie Beethoven oder die Perkussionistin Evelyn Glennie – trotzdem noch Musik machen? „Da ist eben der Unterschied zum klassischen Komponisten, zu jemandem, der Musik auf ein Blatt Papier schreiben kann. Denn ich ‚schreibe’ ja die Musik in dem Moment, in dem ich sie mache. Das ist ja alles ein Prozess. Mir fiele jetzt nichts ein, was ich dann machen könnte. Ich würde erst einmal sehr, sehr traurig sein… Aber ich war letztes Jahr beim Hörtest und abgesehen von einer kleinen Delle bei 4 Kilohertz ist alles okay. Weil ich eben kein DJ bin und nicht mit Kopfhörer arbeite, ist mein Gehör noch ziemlich okay. Ich passe aber auch darauf auf.“ Und wie geht es nach der ausgedehnten Konzertreise weiter? Pläne für ein neues Album gebe es derzeit noch nicht, aber zwischen den Live-Konzerten fertigt der selbst ernannte musikalische Autist Remixes für Moby (bereits fertig) und Rammstein (in Arbeit), und weitere Anfragen liegen auf dem Tisch. Weitergehende schauspielerische Ambitionen hat er eigentlich nicht, doch vielleicht gibt es „irgendwann“ ein Sequel zu Berlin Calling – mit dem Untertitel „Der Wahnsinn geht weiter“, wie Kalkbrenner lachend hinzufügt.

(c) Christian Arndt – all rights reserved
(originally published in Hear The World Magazine – curated and produced by SIGN Kommunikation, Frankfurt)