12 Stunden aus dem Leben eines sehr gewinnenden Verlierers

Die Kurzform dieser Rezension leihe ich hiermit von Christoph Grissemann aus: „Das ist unglaublich lustig und traurig zugleich.“ Stimmt beides. Mit dem 12-stündigen Hörbuch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ – in mehreren Etappen live gelesen vom Autor – setzt Joachim Meyerhoff in mehrfacher Hinsicht Maßstäbe. Humor ist eine davon. Aufgezeichnete Live-Lesungen können für die Hörer der Tonkonserve zur akustischen Herausforderung, nicht selten zur zähen Geduldsprobe werden. Mal ist der Ton suboptimal und von wechselnder Qualität, mal irritieren die hörbaren Reaktionen des Publikums. Auch gelegentliche Versprecher können nachträglich nicht mehr korrigiert werden. Das alles ist bei Meyerhoff zum Glück vollkommen egal. Denn seine sonore, bühnentrainierte Stimme mit dem leichten norddeutschen Einschlag trägt diese schonungslose, zuweilen ins Absurde abgleitende autobiografische Tour de Force durch alle Höhen und Tiefen. Meyerhoff kommt immer wieder auf persönliche Tragödien und Katastrophen zu sprechen. Neben der Trennung seiner Eltern spielt vor allem ein traumatisches Ereignis – der Unfalltod eines seiner Brüder – eine zentrale Rolle. Als kurioser Glücksfall und Kontrapunkt zu den tragischen Momenten erweist sich dabei der Umstand, dass der – wie durch ein Wunder an der Schauspielschule in München angenommene – Joachim mangels bezahlbarer Wohn-Alternativen in das große Haus und das bourgeois-beschwipste Paralleluniversum seiner Großeltern eintaucht, inklusive seniler Dienstboten und (oops, Spoiler!) einer Begegnung mit Horst Tappert in der Sauna.

Die liebevoll bis ins Detail eingeübten Alltagsroutinen der divenhaften alten Schauspieldame und des emeritierten Philosophieprofessors geben dem zutiefst verunsicherten jungen Helden den Halt, den er sonst nirgends findet: „Je älter sie wurden, desto penibler wurden sie in der Abfolge ihrer Handlungen.“ Allerdings sind diese Nymphenburger Rituale – mal zum Trost, dann wieder sehr zum Leidwesen des Erzählers – fast immer mit dem Konsum gesundheitsgefährdender Mengen alkoholischer Getränke verbunden. Zum Frühstück wird Champagner gereicht, mittags Weißwein, abends um punkt 18 Uhr gibt es Whisky, danach Rotwein, und zum Abschluss des Abends holt Großvater Hermann gegen Mitternacht eine Flasche Cointreau hervor. „Kultiviert und weltfremd“ erscheinen die Senioren in Meyerhoffs Erzählung, das affektierte „Mooon!“ (gesprochen wie im französichen Ausruf „mon dieu!“) der Großmutter wird zum Running Gag, ebenso wie der Spitzname „mein Lieberling“ für den Enkel. Mehrmals stürzt der Großvater beim Wein holen die Treppe herunter und bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Die Großmutter verliert ihre Stimme, wird aber durch eine Operation kuriert. In den Augen des Erzählers wirkt der skurril-senile Mikrokosmus der Großeltern absolut normal und vernünftig, zumindest im direkten Vergleich zu den irrwitzigen Zumutungen der Schauspielschule.

Meyerhoff beschreibt sein jüngeres Ich schonungslos als völlig talentfreien, unbedarften und letztlich tragisch deplatzierten Loser. Seine detailreichen Schilderungen – vom Vorsprechen bis zur Abschlussprüfung – beziehen einen großen Teil ihrer bizarren Komik aus der lakonischen Sprache, mit der Meyerhoff die Lehrer, Mitschüler und sich selbst beschreibt. Joachim kann nicht singen, nicht weinen, und sein missratenes Bühnenlachen bewog eine ungarische Regisseurin gar dazu, ihn als einziges Ensemblemitglied mit dem Rücken zum Publikum zu platzieren. Zwar wird ihm am Ende die „Bühnenreife“ attestiert, doch das einzige Theater, das ihm ein Engagement anbietet, ist das seiner friesischen Heimatstadt Schlewswig. „Niemals,“ brüllt er in den Hörer, und diese letzte Erniedrigung führt zum Zusammenbruch und einer tiefen Existenzkrise: „Ich stand nicht nur auf der Bühne neben mir, ich stand immer neben mir.“ Klingt nicht lustig? Ist es aber, denn durch die Brille seiner entwaffnenden Selbstironie betrachtet, ermöglicht uns Meyerhoff auch einen etwas entspannteren Blick auf unsere eigenen Defizite und die unerträglichen Zumutungen des Erwachsenwerdens und -seins, auf Vergänglichkeit und Tod. „Alle Toten fliegen hoch“ heißt die Roman-Trilogie und das Bühnenprogramm, mit er sich vor allem beim Wiener Burgtheater-Publikum unsterblich gemacht hat, und „Diese Lücke“ ist der krönende Abschluss davon. Erheben wir also das Glas und trinken mit Joachim Meyerhoff auf eine „scheene Leich'“ (Christian Arndt)

Joachim Meyerhoff „Ach diese Lücke“ (Random House Audio, 2016, 10 CDs)