AIR (photo: Rama)

Wie AIR sich einen musikalischen Traum jenseits aller Erwartungen erfüllten

Atlas wirft die Welt ab – oder:
Wie AIR sich einen musikalischen Traum jenseits aller Erwartungen erfüllten

„Schlecht rasiert und gut angezogen“ waren die „Sexy Boys“ aus dem gleichnamigen Hit des französischen Pop-Duos AIR im Jahr 1998. Elf Jahre nach dem millionenfach verkauften und nach eigenem Bekunden „perfekten“ Album Moon Safari sind Air zurück und präsentieren sich Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel auf dem Cover ihres neuesten Albums selbst als „Sexy Boys“, ebenso stilvoll gekleidet und wenig bis gar nicht rasiert wie jene Jungs in dem schönen Lied von damals. Und obwohl sie zwischenzeitlich drei weitere gute Longplayer, einen sehr schönen Soundtrack für Sofia Coppola und ein feines Album für Charlotte Gainsbourg – Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, dem überlebensgroßen Vorbild aller französischen Popmusiker – produziert haben, wird sich das mit Spannung erwartete fünfte Album des ebenso erfolgreichen wie eigensinnigen Duos aus Paris wieder an jenem legendären Erstling messen lassen müssen. Hat Love 2 am Ende deshalb eine Zwei im Titel, weil es sich hier um eine Art zweiten Versuch, einen Neuanfang handelt? Dafür spricht einiges…

Ein Charakteristikum aller Songs von AIR ist der Umstand, dass ihre Musik als eine der am besten durchdachte und ausgesuchte Aneinanderreihung von „Zufällen“ der jüngeren Popgeschichte zu gelten hat. Man gibt sich lässig und locker, aber tatsächlich lauert hinter jedem Klang ein Programm, ein Masterplan. Der Ton macht die Musik, der warme, retro-futuristische Sound bestimmt die Emotionen, und nicht etwa umgekehrt. Ist alles nur kühles Kalkül? Sind die warm wabernden Synthies aus den Siebzigern nur clevere Tarnung? Nicolas Godin sagt jedenfalls: „Für jedes Album entscheiden wir im Vorfeld, welche Art Keyboards wir benutzen werden“, und für die Produktion ihres neuen Albums bauten sich AIR gleich ein komplettes neues Studio. Dort im „Atlas“ Studio im Norden von Paris, das vollgepackt ist mit modernster Technik und diversen Vintage-Keyboards und Analogsynthesizern, haben sie jeden Ton für das Album selbst aufgenommen und produziert. Die Zusammenarbeit mit Nigel Godrich, der die beiden Air-Alben Talkie Walkie und Pocket Symphony produzierte (und in der Vergangenheit auch schon für Radiohead, Beck und keinen geringeren als Paul McCartney am Klangregiepult gesessen hatte), wollten Air nicht fortsetzen, und das nicht etwa, weil sie mit seiner Arbeit unzufrieden gewesen wären: „Nein, aber bevor wir Nigel trafen, hatten wir ja auch all unsere Musik selbst aufgenommen. Wir kommen ja eigentlich aus der Homestudio-Szene. Jetzt, da wir das neue Studio hatten, bekamen wir Angst, dass wir womöglich zu gut, zu professionell klingen würden. Da wir nun diesen wirklich professionellen Raum hatten, dachten wir, es wird zu viel, wenn wir jetzt auch noch einen professionellen Produzenten dazu nehmen. Also entschieden wir uns, wieder selbst zu produzieren und auch unsere eigenen Toningenieure zu sein. Wir dachten einfach, da wir viele Regeln nicht kennen, wird das Resultat frisch klingen.“

Anders als in der Vergangenheit, da jedem Album ein mehr oder weniger offensichtliches stilistisches Konzept zugrunde lag, ließ man diesmal alles bewußt offen, wie Godin betont: „Wir haben nicht nach etwas Bestimmtem gesucht, es gibt keine ‚Richtung’ auf diesem Album, wir wollten es etwas „schlampiger“ produzieren und ein paar Uptempo-Songs machen, einfach Dinge tun, die wir bisher noch nicht gemacht hatten.“ Es scheint, als bemühten sich die Schöpfer nachgerade, die Erwartungen an ihr neues Werk zu dämpfen, so zu tun, als seien ihnen die zwölf Songs nur mal eben „so rausgerutscht“. Aber das stimmt nur zum Teil.

Offenbar haben sich Air in ihrem neuen „Traumstudio“ ziemlich entspannt ans Werk gemacht und sich dabei offenbar von Kollegen aus der rauhbeinigeren Gitarren-Szene inspirieren lassen. Gleich beim ersten Titel „Do The Joy“ brettert eine verzerrte Gitarre ungewöhnlich forsch drauflos, gefolgt von einer blechern-elektronisch verfremdeten Stimme, die, wie Godin erklärt, von „Winslow aus ‚Phantom Of The Paradise’ inspiriert ist, der seine Stimme mit Hilfe eines Computers veränderte“. Dass ausgerechnet Air sich auf Brian De Palmas schrille Musical-Groteske aus dem Jahr 1974 beziehen, ist nur folgerichtig, denn ihre musikalische Sozialisation basiert auf den schrägeren Soundtracks der 60er und 70er Jahre, von Francis Lai bis Ennio Morricone, gekoppelt mit der melancholischen Leichtigkeit eines Burt Bacharach. Allen Dreien scheinen Air in dem wunderbaren Beinahe-Instrumental „Tropical Disease“ huldigen zu wollen, und versetzen sich dabei zugleich an einen Scheitelpunkt ihres eigenen Schaffens zurück, nämlich in die Phase zwischen dem Wohlklang von Moon Safari und dem deutlich sperrigeren Sound des zweiten Albums 10000 Hz Legend.

Nachdem das verspulte „Do The Joy“ bereits als „virale Single“ kostenlos im Internet verbreitet wurde, folgt mit „Sing Sang Sung“ ein Sommersong, der eine herausragende Eigenschaft mit den großen Hits früherer Alben – wie „Sexy Boy“ oder „Alpha Beta Gaga“ – gemein hat: Das Lied zieht den unbedarften Hörer innerhalb von drei Takten auf seine Seite und bringt garantiert Mann, Frau und Kind zum Schmunzeln und Mitsingen, obwohl der Text denkbar banal ist, wie Nicolas Godin zugibt: „Wir erinnerten uns einfach daran, wie wir im Englisch-Unterricht die unregelmäßigen Verben pauken mussten“, und schon war der Refrain fertig, und über das Singen zu singen kann schließlich genausowenig ein Fehler sein wie über die Liebe. Zu letzterem Thema ist Dunckel und Godin jedoch wenig eingefallen, denn der Song mit dem Titel „Love“ muss auf der textlichen Seite mit einem einzigen Wort auskommen. Musikalisch haben sie allerdings deutlich mehr zu bieten, es klingt wie ein verloren geglaubtes Grace Jones Playback aus den frühen Achtzigern, das mit seinem minimalistischen Bossa-Beat eine urbane Coolness verströmt, die nur durch das gehauchte Wort „Love“ ein wenig erwärmt wird. Dass sie das Texten aber keineswegs verlernt haben, zeigen Air bei „So light is her footfall“, dessen Titel von Oscar Wildes „Gespenst von Canterville“ inspiriert ist. Musikalisch spuken hier auch die späten Beatles und die noch späteren Beach Boys auf angenehme Weise durch dieses hitverdächtige Lied. Wesentlich weniger „light“ geht es auf dem hörbar von Beck inspirierten Uptempo-Track „Eat My Beat“ zu, hier lassen es die kühlen Franzosen mal ganz entspannt krachen, und man hört geradezu wieviel Spaß sie dabei im Studio gehabt haben müssen. Zweifellos werden die meisten der insgesamt zwölf Songs auf Love 2 den meisten Fans von Air zusagen, auch wenn die großen Überraschungen letztlich ausbleiben.

Ob es zu auch zu diesem Album eine „10th Anniversary Edition“ geben wird wie vergangenes Jahr zu Moon Safari, mit Bonus-Tracks, Remixes und einem Dokumentarfilm von Mike Mills ist jedoch mehr als fraglich. An der Musik wird es nicht (nur) liegen, sondern vor allem daran, dass eine CD (oder gar ein schnödes Bündel Downloads) im Jahr 2009 einfach nicht mehr den „Event-Charakter“ besitzt wie Anno 1998. Den Event gibt es heutzutage – wie ganz früher schon – live, Air werden im Januar 2010 im Casino de Paris ihre ausgedehnte Welt-Tournee starten, und sie werden bestimmt auch alte Hits spielen, aber anders.

(c) Christian Arndt – all rights reserved
(originally published in Hear The World Magazine – curated and produced by SIGN Kommunikation, Frankfurt)

photo credit: AIR – photographed by Rama – used under CC license Cc-by-sa-2.0-fr